Zehn Jahre nach der erstmaligen Veröffentlichung seiner „Kritik der Psychologie“ hat Albert Krölls eine überarbeitete und erweiterte Neuausgabe vorgelegt, die den bereits in der zweiten Auflage von 2007 aufgenommenen Diskussionsteil neu konzipiert und in seinem Umfang erweitert hat. Dokumentiert wird hier die Kontroverse, die der Autor unter dem Titel „Die geheime Macht des Unbewussten – Ein untauglicher Rettungsversuch der Psychoanalyse“ mit einem Anhänger der Freudschen Theorie geführt hat. Die Antwort auf einen weiteren Leserbrief bringt zudem „vertiefte Ausführungen zur Kritik der ebenso beliebten wie falschen Fragestellung 'Freiheit versus Determination des Willens?'“ (Krölls 2016, 9). Grundlegend überarbeitet wurde ferner das für die Beweisführung des Buches zentrale erste Kapitel, das jetzt die Überschrift „Psychologie: Wissenschaft als Menschenbildpflege“ trägt. Im Rahmen einer neuen Schlussbetrachtung erläutert Krölls – anknüpfend an den Untertitel vom modernen „Opium des Volkes“ – den Nutzwert, den die psychologische Weltanschauung für die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft hat.
Im Folgenden sollen grundlegende Thesen aus Krölls' Kritik vorgestellt und mit anderen Diskussionsbeiträgen konfrontiert werden, die eigene Kritikpunkte formulieren, eine Krise der Psychologie konstatieren oder deren wissenschaftlichen Status – gerade angesichts des neurowissenschaftlichen Booms mit seinen neuartigen Erkenntnissen übers Seelenleben – problematisieren. Albert Krölls steht übrigens weiterhin für eine Diskussion seiner Thesen zur Verfügung, und zwar unter der E-Mail-Adresse: AKroells@web.de.



Kritik der Psychologie
Krölls' Ausgangspunkt ist die „Psychologisierung aller Lebenssachverhalte“ (ebd., 10), die man in der modernen Marktwirtschaft antrifft. Mit sich selbst im Reinen zu sein, gilt ja als entscheidende Leistung, die man zu erbringen hat: „Zurechtkommen mit der Welt ist zuallererst ein Zurechtkommen mit dem lieben Selbst. Wer sich selbst annimmt und kontrolliert, wer sein Verhältnis zu sich im Griff hat und über ein gesundes Selbstwertgefühl verfügt, hat mit der Welt keine Probleme mehr.“ (Ebd.) Diese Psychologisierung, die der religiösen Seelsorge den Rang abgelaufen hat, wird heutzutage höchstens vom Biologismus der Hirn- oder Genforschung in Frage gestellt, der aber im Grunde nur das Ideal der Steuerung des Seelenapparats in einer naturalistischen Variante vorträgt. Die Kernthese des Buchs lautet daher: „Die psychologische Denkweise liefert die fachliche Anleitung für die kritische Selbstmanipulation des schwierigen Willens zur (Selbst)zufriedenheit in einer Gesellschaft, deren Mitglieder bei der herrschaftlich konzessionierten Verfolgung ihrer Interessen ... systematisch auf Beschränkungen, insbesondere auf die Schranken der vom Staat ins Recht gesetzten Interessen anderer Konkurrenzsubjekte, stoßen.“ (Ebd.)
Der Autor greift nicht nur das manipulatorische Ideal psychologischer Verwendungszusammenhänge an, sondern den wissenschaftliche Fehler selbst, der darin bestehe, „nach Ursachen der Willensleistungen außerhalb von Wille und Bewusstsein“ zu suchen und „das Handeln der Subjekte als Resultante des Wirkens hintergründiger seelischer Kräfte“ zu deuten (ebd., 11). Dass es sich bei dieser deterministischen Theorie um die Konstruktion eines Menschenbildes handelt, legt Krölls im ersten Kapitel dar. Er diskutiert ausführlich das tautologische Verfahren, Verhalten auf innere, psychische Faktoren, auf „Dispositionen“ oder „Triebe“, zurückzuführen, es also mit der Verdopplung in eine beobachtbare Äußerung und eine innere Ermöglichung dieses Nach-Außen-Tretens – scheinbar – zu erklären. Und er benennt die „ideologische Basisleistung“ (ebd., 47) dieser Menschenbildkonstruktion: Sie dient als Beitrag zur Pflege der Konkurrenzmoral.
Der auf psychologischem Wege erstellten Zeitdiagnose zufolge scheitert ein Mensch nicht an den Zwecken und Prinzipien der bürgerlichen Gesellschaft, die von ihm die Selbstbehauptung in der Konkurrenz um Lebens- und Arbeitsbedingungen verlangt. Ihm mangelt es vielmehr – so der Konsens des Fachs über einzelne Schulen hinweg – an einem stabilen Selbst, was sich etwa an unzulänglichen Konfliktbewältigungsstrategien, zu schwacher Frustrationstoleranz oder suboptimal funktionierender Triebkontrolle zeige. Der Betreffende leidet in dieser Optik an defizitärem Realitätsbezug, überzogenen Ansprüchen an die Gesellschaft, mangelnder Einsicht in seine individuellen Möglichkeiten und Grenzen oder, genau umgekehrt, am fehlenden Glauben an sich selbst. „Dem dergestalt als funktionsuntauglich deklarierten Menschen gebricht es an der notwendigen Fähigkeit, als verantwortlicher Regisseur seines Seelenhaushaltes die geforderte Anpassungsleistung an die gesellschaftlichen Erfordernisse zu erbringen, zu der ihm im Versagensfalle die psychologische Lebensberatung zu verhelfen sucht.“ (Ebd., 48)
In den Kapiteln 2 bis 6 bietet das Buch eine „Besichtigungsreise“ durch die äußerst plurale Welt psychologischer Theorien, Modelle und Ansätze, wobei es keine handwörterbuchmäßige Vollständigkeit anstrebt, sondern wenige, aber aussagekräftige Klassiker des Fachs auswählt. Es ist nicht die Absicht des Autors, einen Überblick über den aktuelle Stand des Pluralismus in der Disziplin zu bieten. Dazu liegen diverse Publikationen vor, das neue wissenschaftliche Kompendium von Galliker/Wolfradt (2015) versammelt z.B. rund 120 Ansätze, und jedes Handbuch aus den Bindestrich-Psychologien kann weitere beisteuern. Krölls nimmt sich dagegen exemplarisch Fälle vor, die er nicht aneinander reiht, sondern detailliert auf ihren Gehalt hin prüft. Bei der Auswahl hat er unter anderem Beispielfälle aus der Sozialpsychologie berücksichtigt, die einen gesellschaftskritisch-emanzipatorischen Anspruch erheben und an denen sich die These der Psychologisierung genauer untersuchen lässt.
Die Auseinandersetzung mit der Freudschen Seelenlehre und dem Drei-Instanzen-Modell (Es – Ich – Über-Ich), speziell mit der zentralen Kategorie des Unbewussten, bildet den Gegenstand von Kapitel 2. In Kapitel 3 ist die Verbindung von Freudscher Tiefenpsychologie und Marxismus Thema, und zwar in Gestalt der sozialpsychologischen Studien der Frankfurter Schule über den „autoritären Charakter“. Deren „zentrale politische Botschaft besteht darin, dass der Mensch aufgrund der triebökonomischen Verfassung seines Seelenhaushaltes quasi automatisch zur unbewussten Anpassung an die Funktionserfordernisse der politischen Gewalt gezwungen sei und damit an der Erfüllung seiner 'eigentlichen' Mission scheitern müsse, der autoritären Herrschaft (faschistischer Provenienz) Widerstand zu leisten“ (ebd., 15). Die Ergänzung der Kritik der politischen Ökonomie um einen „subjektiven Faktor“ ende, so Krölls, in der Konstruktion eines „idealen Entsprechungsverhältnisses zwischen Untertan und Herrschaft: staatsbürgerlicher Gehorsam als Naturbestimmung des Willens“ (ebd.). Kapitel 4 behandelt dann das von Skinner entworfene behavioristische Kontrastprogramm zu Freud, die verhaltenswissenschaftliche Theorie der instrumentellen Konditionierung des Menschen durch äußere Bedingungen – also eine Position, die sich nicht in Spekulationen übers Seelenleben vertiefen will, sondern die Psyche als eine „black box“ betrachtet, mit der sich Experimente nach naturwissenschaftlichem Vorbild anstellen lassen.
Kapitel 5 setzt sich mit der Anwendung zeitgenössischer psychologische Theorien auf einen speziellen Fall, nämlich auf die Ausländerfeindlichkeit, auseinander. Im Ergebnis laufen hier, so Krölls, falsche Erklärungen rechtsradikaler und rassistischer Einstellungen auf die Behauptung einer prinzipiellen Unmaßgeblichkeit der genuin politischen, d.h. nationalistischen Beweggründe hinaus, so dass im Endeffekt die Rolle von Nationalstaaten als Nährboden ausländerfeindlicher Urteile und Taten ihrer Bürger ausgeblendet wird. Dem stellt der Autor den konkurrierenden Erklärungsansatz der Holzkamp-Schule gegenüber, dem man diesen Vorwurf nicht machen kann. Diese „subjektwissenschaftliche“ Erklärung verfehle aber mit ihrer Vorstellung eines Verführungs- und Bestechungswerks des bürgerlichen Staates zur Herstellung staatsbürgerlicher Loyalität ebenfalls die Sache, nämlich die politische Psychologie von Nationalisten. Im vorletzten Kapitel 6 werden beispielhaft praktische Leistungen der Psychotherapie, vor allem der Gesprächstherapie nach Rogers, untersucht.
Die Schlussbetrachtung im 7. Kapitel fasst dann den Nutzwert der psychologischen Weltanschauung für die moderne Konkurrenzgesellschaft nochmals zusammen. Es handle sich um einen ideologischem Beitrag zur Pflege der Konkurrenzmoral der Bürger. „Als theoretischer Überbau der Konkurrenzmoral hat die psychologische Weltanschauung im späten 20. Jahrhundert verdientermaßen der Religion den Rang als Opium des Volkes abgelaufen. Die Verheißung der Psychologie ist nicht wie bei der Religion die Aussicht auf einen komfortablen Platz im Himmelreich durch ein gottgefälliges, in aller Regel arbeits- und entbehrungsreiches Leben, sondern besteht in einem durchaus diesseitigen Versprechen auf 'personale Befriedigung', das sich im Ideal der Selbstverwirklichung zusammenfasst.“ (Ebd., 167)
Das Buch setzt sich mit den Leistungen der akademische Psychologie auseinander, hat darin also seinen Gegenstand und beansprucht nicht, selber eine Theorie bürgerlicher Konkurrenzsubjekte zu liefern. Es kommt aber dem Interesse an positiven Erklärungen der Lebenssachverhalte, die von der bürgerlichen Psychologie systematisch verklärt werden, zumindest streckenweise entgegen, so im Rahmen der Widerlegung psychologischer Umdeutungen von Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Krieg (siehe Kapitel 5.5). Krölls' Erklärungen, die ohne eine Bezugnahme auf ein „Dahinterliegendes“ oder ein „Menschenbild“ auskommen, laufen im Ergebnis auf eine dreifache Kritik hinaus: „zum einen an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die einer solchen Wissenschaft bedürfen, zum anderen an der Wissenschaft selbst, die diesen Bedarf mit lauter nützlichen Fehlerklärungen der menschlichen Subjektivität und ihrer Betätigungsweisen bedient. Und drittens an den bürgerlichen Subjekten, welche die von der Wissenschaft erzeugten, gepflegten und verstärkten Fehlurteile über die gesellschaftlichen Verhältnisse des demokratischen Kapitalismus ganz eigenständig im Kopfe haben und zu ihrem Schaden in die praktische Tat umsetzen.“ (Ebd., 17) Der Anhang des Buchs enthält dann den besagten Diskussionsteil, in dem es um Repliken auf die beiden ersten Auflagen geht.



Ein Fach in der Krise?

Kritik an der Psychologie gibt es heutzutage natürlich auch von anderen Autoren, z.B. in einer populären, der Ratgeberliteratur verwandten Form, die ebenfalls – wie Krölls – den Vorwurf vom „Opium des Volkes“ erhebt. Der Journalist Jens Bergmann hat eine launige Einführung „Der Tanz ums Ich“ vorgelegt, die von der Psychologie als der „Religion unserer Zeit“ (Bergmann 2015, 9) spricht: „Wer bin ich? Und warum bin ich, wie ich bin? Was geht in mir vor und was in den anderen? Diese Fragen bewegen uns, weil uns unsere Mitmenschen rätselhaft erscheinen und weil es uns mit uns selbst häufig nicht anders ergeht. Aufklärung und Hilfe verspricht die Psychologie… Sie ist die Religion unserer Zeit.“ (Ebd., 9f) Das Buch will darlegen, „wie sie es so weit bringen konnte. Was ihren Reiz ausmacht. Und mit welchen Folgen der Glaube an sie verbunden ist. Es klärt auf über das Grundproblem des psychologischen Denkens: Niemand kann anderen Menschen wirklich in den Kopf schauen. Von der Suggestion, es doch zu können, lebt eine ganze Industrie. Dieses Buch ist kein Ratgeber, aber hoffentlich nützlich: durch Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen der Psychologie.“ (Ebd., 10)
So wie die Psychologie als Vorhaben einer nicht-metaphysischen Seelenkunde einst in Konkurrenz zur religiösen Betreuung der Seelen trat, so treten heute Propagandisten der Hirnforschung an, um mit ihren Einblicken ins Seelenleben und dessen neuronale Determinanten der psychologischen Betrachtungsweise den Rang streitig zu machen (vgl. Roth 1997, 2003, zur Kritik daran: Cechura 2008, Huisken 2012). Passend dazu gibt es Publikationen wie die von Bergmann, die sich in einer Art Verbraucherberatung ans Publikum wenden. Wer sich in der bürgerlichen Konkurrenzgesellschaft behaupten will, stellt sich natürlich immer wieder die Frage: „Was geht in mir vor und was in den anderen?“. Um den eigenen Seelenfrieden und eine fundierte Stellung zum 'subjektiven Faktor' der Mitkonkurrenten zu finden, wird ihm heutzutage Hilfe von verschiedenen Angeboten versprochen, die sich auf dem Sinnfindungs- und -stiftungsmarkt tummeln: Man kann sich konventionell religiös oder in einem bunten, ständig erweiterten Spektrum esoterisch orientieren, man kann sich von den biologistischen Steuerungsidealen der Neurowissenschaft beeindrucken lassen oder eben bei der breiten Anbieterpalette akademisch approbierter sowie alternativ-experimentierfreudiger Psychotherapien zugreifen. Für den Einkauf im Supermarkt der Lebenshilfen und Weltanschauungen dürfte es dann nützlich sein, wie Bergmann verspricht, eine Übersicht zu Risiken und Nebenwirkungen der einzelnen Angebote an die Hand zu bekommen.
Entsprechende Handreichungen sind auch schon länger auf dem Markt. So hat der Psychologe Colin Goldner vor bald 20 Jahren einen (Anti-)Therapieführer erstellt (Goldner 1997) – in der Hauptsache ein Nachschlagewerk zu rund 100 psychologischen Verfahren der Alternativ- und Esoterikszene, das, mittlerweile fortgeschrieben (Goldner 2000), als Standardwerk zur Begutachtung der therapeutischen Grauzone gilt. Es erfasst den alternativen Bereich, der sonst eher am Rande vorkommt, wobei der Therapiebegriff weitgefasst ist. Goldners Schwäche liegt darin, dass er auf Evidenz setzt: Durch das Exzentrische der vorgestellten Beispiele, letztlich durch eine formale Unterscheidung, die professionelle – vom Bundesverband der Psychologen oder sonstwie approbierte – Therapien von der alternativ-esoterischen Szene absetzt, die mit keinen staatlich anerkannten Ausbildungsgängen oder Berufsbildern aufwarten kann, soll sich der Unterschied von „Seriosität“ und „Scharlatanerie“ ergeben.
Goldners Kritik kürzt sich im Grunde auf den Wunsch nach mehr Anerkennung akademischer Ausbildungsgänge und ein staatliches Eingreifen zu Gunsten des Berufsstandes zusammen. So sieht er in dem 1999 in Kraft getretenen Psychotherapeutengesetz (PTG) einen ersten kleinen Schritt in die richtige Richtung. Die alternative Psychoszene bleibe von dem Gesetz aber unberührt. Der Autor resümiert auch die Debatten, die im Zusammenhang mit der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ entstanden. Die 1996 auf Antrag der SPD eingesetzte Enquete-Kommission hatte 1998 ihren Abschlussbericht vorgelegt. Von der Kommission wurden zwar viele Bedenken geäußert, letztlich aber klargestellt, dass es nicht beabsichtigt sei, die „Anbieter“ auf dem Religions-, Weltanschauungs- und Psychomarkt einer Prüfung zu unterziehen oder anhand „schwarzer“ oder „weißer Listen“ zu erfassen. Goldner griff in dem Zusammenhang die Idee auf, ein „Lebensbewältigungshilfegesetz“ zu entwickeln, das für Verbraucherschutz in dem betreffenden Marktsegment sorgen sollte. Ein solches Gesetz kam jedoch nicht zustande. Die Sorge um den eigenen Seelenfrieden überlässt der Staat nämlich – wie es ich für eine Konkurrenzordnung freier Individuen gehört – der Entscheidung der Einzelnen, die ihr Leben bewältigen müssen.
Die Psychologie-Professoren Mark Galliker und Uwe Wolfradt haben einen Sammelband erstellt, der „zum ersten Mal ein umfangreiches Kompendium der relevanten Theorien der wissenschaftlichen Psychologie“ (Galliker/Wolfradt 2015, 11) bieten will. Wie die beiden Fachleute festhalten, würde heute nämlich „den für die psychologische Forschung zur Verfügung stehenden Theorien und Modellen erstaunlicherweise relativ wenig Beachtung geschenkt“ (ebd., 12). Die Disziplin habe sich lange Zeit eher auf experimentelle Untersuchungen konzentriert und das Feld der Theorie vernachlässigt. Die Art und Weise, diese Defizite zu beheben, überrascht allerdings. Der Band präsentiert rund 120 Theorien von der Abbild- und Widerspiegelungstheorie bis zur Völkerpsychologie und Zeichentheorie, die – um das Mindeste zu sagen – unverbunden nebeneinander gestellt werden. Was man hier vor sich hat ist ein disparater Haufen von Theoriebestandteilen, Denkrichtungen oder wissenschaftlichen Schulen, die nicht nur untereinander inkompatibel sind, sondern selbst auch wieder ein weites Feld kontroverser Ansätze umfassen können. Letzteres gilt z.B. für Stichwörter wie „feministische Theorien“, „Gerechtigkeitstheorien“, „Klinische Psychologie“, „konstruktivistische Ansätze“ oder, noch allgemeiner, „Wissenschaftstheorie“. Und es gilt für einen Eintrag namens „Willensfreiheit“ (ebd., 537ff), der außerdem eine quer zum psychologischen Mainstream stehende – und nicht bloß mit einzelnen anderen Ansätzen unvereinbare – Konzeption zum Thema macht.
Die beiden Psychologen sehen darin aber keinen Mangel. Eher im Gegenteil, sie lassen eine gewisse Zufriedenheit mit dem Bestand erkennen, der die Breite und Vielfalt des Fachs dokumentiert. Und sie sehen die weiter gehende Aufgabe darin, „eine Vernetzung der vielen theoretischen Ansätze zu schaffen“, denn zunächst gelte es, „eine Übersicht zu gewinnen, um im Weiteren zu einer bereichsübergreifenden Einordnung und längerfristig zu einer theoretisch fundierten Integration zu gelangen“ (ebd., 13). Es geht den beiden Wissenschaftlern also nicht darum, die Widersprüche auszuräumen, also z.B. die Frage zu klären, ob die Abbildtheorie oder der konträr zu ihr stehende Konstruktivismus bzw. ein Ansatz aus den beiden präsentierten Theoriebündeln recht hat. Vielmehr sollen alle zusammen in einem ersten Schritt „vernetzt“ werden, um sie dann schlussendlich zu „integrieren“. Ein in jeder Hinsicht merkwürdiges Vorhaben!
Über seinen Sinn gibt eine andere Publikation Gallikers näheren Aufschluss. Er hat nämlich das, was in dem Kompendium als Vielfalt des Fachs hervorgehoben wurde, an anderer Stelle als Krisenphänomen der wissenschaftlichen Psychologie identifiziert. In seiner neuen Studie „Ist die Psychologie eine Wissenschaft? Ihre Krisen und Kontroversen von den Anfängen bis zur Gegenwart“ thematisiert er die grundlegende Frage, ob die akademische Psychologie angesichts ihrer „aktuellen Krise“ überhaupt dem „Anspruch der Wissenschaftlichkeit und insbesondere der Naturwissenschaftlichkeit zu genügen vermag“ (Galliker 2016, IX). Dafür bietet der Autor einen Rundgang durch die einschlägigen Kontroversen des Fachs, einschließlich der vorwissenschaftlichen, d.h. philosophischen Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Körper und Seele, um die Erklärung der Welt aus einem ersten Prinzip – klassisch: um den Vorrang „der Idee“ oder „der Materie“. Von der Philosophie habe die Psychologie die Kontroverse um Dualismus und Monismus geerbt, was bis zum modernen „Biologismusproblem“ reiche, das gegenwärtig unter dem Einfluss des neurowissenschaftlichen Booms im „neuroreduktionistischen Sinne“ (ebd., 237) gelöst werde.
Gallikers Bestandsaufnahme ist geradezu scharf darauf, Kontroversen und unversöhnliche Positionen zu präsentieren. Ausgeblendet wird dabei etwa, obwohl sonst viel Wert auf die philosophischen Vorläufer gelegt wird, Hegels Philosophie des subjektiven Geistes, die die Dualismus-Debatte im „dialektischen“ Sinne zum Abschluss brachte. Dabei könnte man gerade hier überprüfen, ob die ewige Fortschreibung philosophischer Kontroversen um den Leib-Seele-Dualismus wirklich sinnvoll ist oder ob sich nicht aus Hegels Position Argumente ergeben, die – jenseits der idealistischen Vorentscheidung dieser Philosophie – das groß aufgebaute, seit der Antike mitgeschleppte Problem lösen können. Das ist jedoch nicht das Interesse Gallikers. Die Krise besteht bei ihm nicht in dem Missstand, dass man bei der Sichtung der fachlichen Erkenntnisse ein Sammelsurium widersprüchlicher Ansätze in die Hand bekommt, sondern dass man sich gegenüber anderen Disziplinen nicht als respektabler Betrieb mit eigenständigem Profil präsentieren kann. Galliker wälzt ein Anerkennungsproblem. Er schreibt vom Standpunkt eines modernen Wissenschafts-Marketings aus, das in der Konkurrenz des Lehr- und Forschungsbetriebs – 'nach Bologna' und beim Kampf um öffentliche Mittel – danach fragt, ob es der jeweiligen Wissenschaft gelingt, „ihre Forschungsergebnisse den Laien gewinnbringend zu kommunizieren“ (ebd., 1) und sich als praxisrelevant zu positionieren.
Im Hinblick auf dieses Anliegen, fällt die Bilanz des Buchs negativ aus. Speziell sei es das Manko der Psychologie, dass sie angesichts des Maßstab setzenden naturwissenschaftlichen Ideals nicht mithalten kann. Den Ausweg aus der unbefriedigenden Situation sieht der Autor darin, die „Invasion der Mathematik in das psychologische Denken und Urteilen“ (ebd., 237) zurückzudrängen und wieder neu den „Primat der Theorie“ (ebd., 25) zu etablieren. Das heißt in der Konsequenz, dass „Psychologie primär als Sozialwissenschaft zu verstehen“ sei (ebd., 239). Diplomatisch gesteht der Autor allerdings zu, dass der Psychologie auch die Aufgabe obliege, „die naturwissenschaftlichen Momente zu involvieren“ (ebd., 239). Involviert bzw. integriert werden soll dann alles Mögliche, wie man es an dem erwähnten Kompendium ablesen kann.
Es gibt allerdings auch Positionen in der Psychologie, die deren Rolle in der kapitalistischen Gesellschaft zum Thema machen. Krölls hat dies am Beispiel von Holzkamps Subjektwissenschaft aufgegriffen, die eine einflussreiche Strömung Kritischer Psychologie repräsentiert. Zu nennen wäre hier ferner die Neue Gesellschaft für Psychologie (NGfP), die psychoanalytisch orientiert ist und verdrängte Theorieproduktionen zugänglich machen will. So legte 1972 der Hannoveraner Psychologie-Professor Peter Brückner, der sich als Theoretiker der antiautoritären Bewegung verstand und wegen seines Engagements von der Politik gemaßregelt wurde, seine Studie „Zur Sozialpsychologie des Kapitalismus“ vor. Vier Jahrzehnte später veranstaltete die NGfP einen Kongress in Berlin, der sich der Aktualität Brückners widmete – einer Aktualität, die, wie NGfP-Vorsitzender Professor Klaus-Jürgen Bruder zur Kongress-Einführung bemerkte, heutzutage gerade nicht auf der Hand liege, da uns von den theoretischen Ansprüchen und Erwartungen der 68er-Bewegung ein großer zeitlicher oder generationeller Abstand, ja eine „kulturelle Kluft“ (Bruder) trenne. Diese Kluft zu überbrücken und ein emanzipatorisches wissenschaftliches Erbe anzutreten, war die Absicht des Kongresses. Herausgekommen ist jedoch, wie man in dem Tagungsband (Bruder u.a. 2013) nachlesen kann, eine Sammlung ganz unterschiedlicher kritischer Stimmen, die mal mehr, mal weniger mit Psychologie oder mit Brückners Vorarbeiten zu tun haben.
Bei Brückner standen seinerzeit Fragen der Politischen Psychologie, der Herrschafts-Psychologie, im Vordergrund. „Massenloyalität“ und „Unterwerfungsverhalten“ lauteten zentrale Stichworte seiner Forschungen, und das aus der psychoanalytischen Theorie stammende Begriffspaar von Ich-Schwäche und Ich-Stärke sollte eine Perspektive für emanzipatorische Prozesse liefern, wobei der erste Begriff für Anpassungsverhalten und der zweite für Protestkultur stand. Dass sich dieses Verständnis mittlerweile grundlegend gewandelt hat, ist den Vertretern der NGfP, wie Bruder im Vorwort des Sammelbandes betont, bewusst. Heute gilt der „Arbeitskraftunternehmer“, das flexible, auf jede Herausforderung eingestellte und mit einschlägigen Handlungskompetenzen ausgestattete Individuum in seiner Anpassungsfähigkeit an wechselnde Problemlagen, als ich-stark; wer diese Funktionsfähigkeit vermissen lässt ist ich-schwach, bedarf der Hilfestellung von Beratung oder Therapie.
Gegen diesen neuen Konsens wollte der Kongress Position beziehen, was aber nur zur Reproduktion ganz verschiedener kritischer Standpunkte führte. Rund zwei Dutzend Referenten aus Psychologie, Pädagogik, Sozial- oder Medienwissenschaften thematisierten bei der Berliner Zusammenkunft 2013 alle möglichen Topoi, die in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften kursieren. Als erstes ging es um die „Transformation der Demokratie“, die heute meist unter dem Stichwort „Postdemokratie“ abgehandelt wird. Ein zweiter Block lautete „Überflüssige Bevölkerung“, Vorträge beschäftigten sich z.B. mit Rassismus oder Inklusion, wobei auch Ergebnisse staatlich geförderter Begleitforschung zu Projekten der Weiterbildung etc. vorgestellt wurden. Der dritte Block trug den Titel „Selbstsozialisation – Unterdrückung in eigener Regie“ und befasste sich z.B., so in dem Beitrag von Uwe F. Findeisen, mit der Frage nach dem „notwendig falschen Bewusstsein über unsere Gesellschaft“. Findeisen ging auf die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zurück und wandte sich damit gegen die Konstruktion psychologischer Problemstellungen, die in anderen linken Kreisen en vogue sind. Der vierte und letzte Block des Kongresses, „Empörung – Selbstfreisetzung“ überschrieben, kam auf Perspektiven einer „Befreiungspsychologie“ (Klaus Weber) zu sprechen. In einem Beitrag zur Occupy-Bewegung wurde diese als Versuch hochgehalten, „nicht vor dem vermeintlich je eigenen Elend zu kapitulieren“ (Juliko Lefelmann/Tom Uhlig).
Also auch hier soll die Psychologie, jetzt natürlich in einer kritisch gestimmten Variante, Lebenshilfe und aufbauende Dienste leisten, indem sie die Ich-Stärke – nicht von konkurrierenden Individuen, sondern – von Teilnehmern an Protestbewegungen befördert. Aus der wissenschaftlichen Psychologie werden dafür einzelne Elemente ausgewählt, mit Vorliebe etwa die Theorie des autoritären Charakters (siehe dazu die Kritik bei Krölls), um gegenüber einer einseitigen Psychologisierung des gesellschaftlichen Lebens politische Aspekte hervorzuheben. Oder es werden – ähnlich wie bei den kritischen Sondierungen der NGfP – alle möglichen theoretischen Bemühungen versammelt, um sie unter dem Ticket „Politische Psychologie“ aufzuführen (vgl. Frankenberger u.a. 2007, Brunner u.a. 2012). Dann wird es schon als verdienstvoll betrachtet, diese Unterdisziplin der Psychologie, um die es „in den letzten Jahren merklich still geworden“ sei (Frankenberger u.a. 2007, 9), wieder aufzuwerten. Und es wird als Positivum verbucht, „dass nahezu jeder ‚Bereich gesellschaftlicher Prozesse auch zum Forschungsgegenstand Politischer Psychologie werden könnte’“ (ebd., 13).
Einen Beitrag zur „Politisierung der Psychologie“ (Klappentext) versucht auch Harald Werner, Verantwortlicher des Parteivorstands Die Linke für politische Bildung, mit seinem Buch „Politische Psychologie des Sozialismus“ (Werner 2015) zu leisten. Das Buch will vor allem den „Zusammenhang von Psychologie und Marxismus verständlich machen“ (Werner 2015, 16). Die Pluralität der wissenschaftlichen Ansätze, die sich im akademischen Betrieb entwickelt hat, wird z.B. am Fall der Psychoanalyse daraufhin geprüft, ob sich hier ein „Bündnisverhältnis“ (ebd., 32) zur sozialistischen Psychologie eingehen lässt, ob sich Freud, Fromm etc. in sozialistische Politik einbinden lassen. Die jeweiligen Theorieelemente werden natürlich auch im Blick darauf begutachtet, ob sie mit einer „materialistischen“ Grundposition übereinstimmen, und im positiven Falle, siehe das Beispiel der „modernen Hirnforschung“ (ebd., 17) mit ihrer angeblich materialistischen Herangehensweise, als deren Bestätigung genommen. Interessant erscheint dem Autor aber vor allem die Frage, wie psychologische Strömungen „Einfluss auf das geistig-kulturelle Leben gewinnen“ (ebd., 30) und ob sich im Bunde mit der Psychologie „die Ausstrahlungskraft des marxistischen Denkens“ (ebd., 10) verbessern lässt.
Der Zustand eines Pluralismus divergierender, sich gegenseitig bestreitender Erkenntnisse – sei es nun als Bandbreite des ganzen Fachs, sei es im Rahmen einer 'linken' Auswahl – wird heutzutage nicht als Ärgernis empfunden, sondern als Normalität. Einwände dagegen werden kaum vorgebracht. Sie finden sich systematisch aufbereitet in der Wissenschaftskritik des Gegenstandpunkts (vgl. die Website: wissenschaftskritik.de). So schreibt Peter Decker (2013) zum Geisteszustand der Gesellschaftswissenschaften: „Eigentlich liegt es ja auf der Hand: Fächer, in denen verschiedene Meinungen über denselben Gegenstand kursieren, haben es zu gültigem, überzeugendem Wissen nicht gebracht. Früher haben das manche Vertreter der Gesellschaftswissenschaften auch noch so gesehen: Sie haben am Unterschied zur Objektivität und Unumstrittenheit naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse gelitten und wollten ähnlich haltbare Einsichten erst noch erzielen. Inzwischen ist jede Unzufriedenheit über den Stand des Wissens an den philosophischen Fakultäten ausgestorben. Der Zustand des Nicht-Wissens ist endgültig.“ Der Kritik dieses Zustands, gerade auch bezogen auf die psychologische Disziplin (vgl. Decker o.J., Marxistische Gruppe 2000), widmet sich die besagte Website zur Wissenschaftskritik. Insofern hat die Ausbreitung von Nicht-Wissen hoffentlich doch nicht das letzte Wort.



Literatur

Jens Bergmann, Der Tanz ums Ich – Risiken und Nebenwirkungen der Psychologie. 2. Aufl., München 2015.
Klaus-Jürgen Bruder, Christoph Bialluch, Benjamin Lemke (Hg.), Sozialpsychologie des Kapitalismus – heute. Zur Aktualität Peter Brückners. Gießen 2013.
Markus Brunner/Jan Lohl/Rolf Pohl/Marc Schwietring/Sebastian Winter (Hg.), Politische Psychologie heute? Themen, Theorien und Perspektiven der psychoanalytischen Sozialforschung. Gießen 2012.
Suitbert Cechura, Kognitive Hirnforschung – Mythos einer naturwissenschaftlichen Theorie menschlichen Verhaltens. Hamburg 2008.
Peter Decker, Die Psychologie – Sachzwänge des Subjektseins. Aus: ders., Die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Online: http://www.wissenschaftskritik.de/die-psychologie/, o.J.
Peter Decker, Der Pluralismus in den Gesellschaftswissenschaften – Zeugnis und Verkehrsform einer falschen Wissenschaft. Vortrag, Erlangen 2013, online: http://www.wissenschaftskritik.de/der-pluralismus-in-den-gesellschaftswissenschaften-vortrag/.
Rolf Frankenberger/Siegfried Frech/Daniela Grimm (Hg.), Politische Psychologie und politische Bildung. Schwalbach/Ts. 2007.
Mark Galliker, Ist die Psychologie eine Wissenschaft? Ihre Krisen und Kontroversen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Wiesbaden 2016.
Mark Galliker/Uwe Wolfradt (Hg.), Kompendium psychologischer Theorien. Berlin 2015.
Colin Goldner, Psycho – Therapien zwischen Seriosität und Scharlatanerie. Augsburg 1997.
Colin Goldner, Die Psycho-Szene. Aschaffenburg 2000.
Freerk Huisken, Über die Untauglichkeit der Hirnforschung als Ratgeberin in Bildungsfragen. Bremen 2012, online: http://www.fhuisken.de/loseTexte.html.
Freerk Huisken, „Der Mensch ist der Sklave seines Gehirns!“, behaupten Hirnforscher – Schon wieder eine Aufforderung, an seinem Verstand zu zweifeln, statt ihn zu benutzen. Hamburg 2012, online: http://www.fhuisken.de/buecher.html.
Albert Krölls, Kritik der Psychologie – Das moderne Opium des Volkes. (Erstausgabe 2006) 3., akt. und erw. Aufl., Hamburg 2016.
Marxistische Gruppe, Argumente gegen die Psychologie. (1990) Korr. Neuauflage, München 2000, Textauszüge online unter: http://www.wissenschaftskritik.de/argumente-gegen-die-psychologie/.
Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen. 5., überarbeitete Auflage, Frankfurt/M. 1997.
Gerhard Roth, Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Neue, vollständig überarbeitete Auflage, Frankfurt/M. 2003.
Harald Werner, Politische Psychologie des Sozialismus – Die emotionale Seite rationalen Handelns. Hamburg 2015.


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